»WM war mein erster Autor«

Günter Rohrbach im Gespräch mit Gundolf S. Freyermuth und Lisa Gotto (2014)

 

Gundolf S. Freyermuth: »Ich möchte Ihnen etwas vorlesen, das Sie vor einer ganzen Weile über Wolfgang Menge geschrieben haben:

›Er sah, wie ich fand, verdammt gut aus und verströmte eine weltmännische, mein Vorurteil über den Habitus von Drehbuchautoren lebhaft dementierende Lässigkeit. Ich war gerade erst zum Fernsehspielchef des WDR berufen worden, und Wolfgang Menge war mein erster Autor. Er imponierte mir gewaltig. Das hatte zunächst weniger mit seinen schriftstellerischen Fähigkeiten zu tun, die ich ohnehin kaum kannte, sondern mit der Art, wie er sich bewegte, wie er sprach, wie er blitzschnell reagierte mit jenem angelsächsischen Witz, den er sich auf weiten Reise antrainiert hatte. Da saß er in unserem spießigen Anstaltsbüro, in dieser rheinischen Provinz, der Mann von Welt, das Hemd aus New York, der Pullover aus Schottland, die Pfeife aus London, ein bisschen Hamburg, ein bisschen Berlin und ganz viel Übersee …‹«[1]

Günter Rohrbach: »Guter Text. Den kann ich heute noch bestätigen. Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung sehr gut. Man lernt ja im Laufe seines Lebens, und gerade auch in einem Leben, wie wir es führen, eine Menge Menschen kennen, und da verschwimmen die Bilder. Aber dieses Bild habe ich noch sehr konkret vor mir. Wir hatten damals noch gar keine richtigen Büros. Der WDR hatte alles schnell angemietet, das waren eigentlich Wohnungen, absolut spießige Wohnungen, schrecklich, abscheulich. Da stand also ein Sofa. Wolfgang Menge saß in der Mitte, ich ihm gegenüber. Auch Gunther Witte saß dabei. Und da gewann ich diesen Eindruck: Dieser Mensch, der da in unsere Kölner Provinz hinein kam, besaß eine Ausstrahlung! Dieses Bild habe ich eigentlich nie verloren – auch nicht in den vielen Jahren, die dann folgten, als er dann zum Beispiel plötzlich eines Tages ohne Haare ankam. Über diese Krankheit wollte er nicht reden. Er hat die Haare ja sehr schnell und plötzlich verloren. Aber das hat ihm genützt! Er hätte nie diese Ausstrahlung gehabt ohne diese damals sehr innovative Glatze. Später, heute, haben ja alle möglichen Modepuppen solche Glatzen. Damals war das noch sozusagen eine Innovation der menschlichen und männlichen Darstellung. Das hat ihn für uns alle geprägt – natürlich auch durch die späteren Auftritte in Talkshows und so weiter, durch die er dann vielen Menschen bekannt wurde, die ihn sonst nur als Autoren, als Namen kannten.«

rohrbachgsflisa

Gundolf S. Freyermuth, Günter Rohrbach und Lisa Gotto (10. April 2014)

Lisa Gotto: »Fernsehautor war in den 1960er Jahren noch etwas gänzlich Neues …«

GR: »Ich habe Wolfgang Menge immer als Journalisten gesehen. Wenn ich mich erinnere, wer damals so im WDR ein- und ausging – also Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Tankred Dorst, Peter Handke, Peter Zadek –, das waren alles Künstler, mit einer Künstleroriginalität und auch mit einer gewissen Aura von Künstlertum. Davon hatte Wolfgang Menge überhaupt nichts. Er hatte ja auch mit Künstlern wenig im Sinn. Seine engsten Freundschaften waren Journalisten. Er war geprägt durch Journalismus. Und das, was er in dieses Medium – das Fernsehen – eingebracht hat, war die Fähigkeit, aus seiner journalistischen Grundprägung heraus andere For-men des Fernsehens zu entwickeln. Erzählerische Formen: Charaktere zu schaffen, Situationen und Verbindungen zwischen Menschen. Aber immer sozusagen mit dem Wollen, etwas zu vermitteln, immer sozusagen als Kopfmensch, nicht als Gefühlsmensch. Er hat dieses Gefühlskino, das wir heute im Fernsehen haben, nie praktiziert. Er hat es verachtet. Was wir mit Menge gemacht haben, war Kopfkino, und das war auch das, was uns damals vorschwebte. Wir verstanden Fernsehen sehr stark als ein aufklärerisches Medium, das Menschen nicht nur unterhält, sondern ihnen eine Hilfe für das Leben gibt, indem es die Gesellschaft, die Verhältnisse, in denen wir existieren, durchsichtiger macht. Dafür war Menge der ideale Autor, da er seine Figuren, seine Geschichten, auch seine Impulse aus der Realität geschöpft hat und insofern wie ein Journalist dachte und arbeitete. Er war nicht der Goethe oder der Schiller des Fernsehens …«

 

Anmerkungen

[1] Günter Rohrbach, »Ein bißchen Berlin und ganz viel Übersee«, in: Eine Menge Zeitung, 10. April 1999, S. 10 (Wolfgang Menge zum 75. Geburtstag, Privatdruck).