WM: Authentizität und Autorschaft

Fragmente einer bundesdeutschen Medienbiographie. (Auszug)

Von Gundolf S. Freyermuth

 

Als Wolfgang Menge am 10. April 1924 in Berlin geboren wurde, galt der Stummfilm als eine Novität, die noch um ihre kulturelle Anerkennung zu kämpfen hatte, öffentliches Radio war ein gerade sechs Monate altes soziales Experiment, und das Fernsehen existierte nur in Laboren. 88 Jahre später, als er am 17. Oktober 2012 starb, ebenfalls in Berlin, waren weltweit über zwei Milliarden Menschen online und in den fortgeschrittensten Regionen des Planeten überholte die Nutzung des Internets die aller anderen Telekommunikationsmedien. Dazwischen aber – zwischen seiner Kindheit und seinem Alter – dominierten die industrielle Kultur zwei neue Audiovisionen, deren Popularisierung er miterlebte: seit den frühen 1930er Jahren der Tonfilm, seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts dann das Fernsehen.

Dessen Anfänge datieren in der Bundesrepublik Deutschland auf Weihnachten 1952. Mit seiner innovativen Kombination von Fakten und Fiktionen formte die Television wie kein anderes Massenmedium die westdeutsche Gesellschaft, ihre Kultur und Politik. Spätestens in den 1960er Jahren hatte das Fernsehen, in seiner besonderen öffentlich-rechtlichen Verfasstheit, ein gänzlich neues Publikum geschaffen: die Fernsehnation, ein anonymes Millionenkollektiv, das wesentliche Teile seines Tagesablaufs wie auch die Themen privater und öffentlicher Diskurse den Programmen von ARD und ZDF abgewann. Ob nun das erste und einzige Programm lief oder ab 1963 auch das zweite: Die Mattscheibe der frühen Jahre zeigte die Welt aus recht gleicher, aus westlicher Sicht. Sie vermittelte demokratische Werte und stiftete bundesdeutsche Identität. Zu dieser allmählich vergehenden Epoche liefert die Television als Medium daher einen zentralen Schlüssel, nicht zuletzt auch, weil die zeitgenössischen Macher das TV-Programm, das sie produzierten und verantworteten, durchaus auch als Programm im emphatischen Sinne begriffen.

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Wolfgang Menge in seinem Haus auf Sylt (Ende der 1970er Jahre)

Prominentester und einflussreichster Autor dieser Fernsehnation wurde seit Ende der 1950er Jahre Wolfgang Menge – durch eine Vielzahl kreativer und zugleich populärer Drehbücher zu Fernsehspielen und Fernsehserien, aber auch durch spektakuläre Auftritte als Talkshow-Gastgeber. Dass Menge von dem neuen Massenmedium angezogen und dann in ihm zum Star wurde, scheint mehr als zufällig. Denn er war, was man technikaffin nennt. Schon das erste Geld, das er kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Journalist verdiente, gab er – zu einer Zeit, in der die meisten deutschen Autoren mit der Hand schrieben und zu Fuß gingen – für Schreibmaschinen und Autos aus. Vor allem aber liebte er die industriellen Massenmedien. Seine Karriere zeichnete gewissermaßen die Geschichte ihrer technischen Entwicklung nach: Er begann als Printjournalist und arbeitete sich über Radio und Film zum Fernsehen vor, dem damals jüngsten, technisch fortgeschrittensten und organisatorisch offensten, deshalb für ihn spannendsten Medium.