Was der Fall sein könnte

Wolfgang Menges spekulative Fernsehspiele

Von Lisa Gotto

Die Spekulation hat keinen guten Ruf. Sie kann zu Krisen und Katastrophen führen; sie vermag nicht nur Märkte durcheinanderzubringen, sondern auch ganze Staaten an den Rand des Ruins zu treiben. Einerseits also ist die Spekulation eine große Gefahr. Andererseits jedoch ist die ›speculatio‹ die lateinische Übersetzung der griechischen ›theoria‹. Die Spekulation ist also auch eine Möglichkeit zu Erkenntnissen zu gelangen, indem man über herkömmliche praktische Erfahrungen hinausgeht – also nicht davon ausgeht, was der Fall ist, sondern was der Fall sein könnte. Für Theodor W. Adorno ist »der spekulative Überschuss des Denkens übers bloß Seiende«[1] die Voraussetzung für eine Theorie, die offen bleibt für das, was noch nicht erfasst ist. Nichts hätte Adorno jedoch ferner gelegen, als spekulatives Denken ausgerechnet beim Fernsehen zu suchen. Denn das Fernsehen, da war er sich sicher, kann nichts und weiß nichts. Es wiederholt immer nur das Immergleiche und ist somit weder innovativ noch spekulativ.[2] Das kann man auch anders sehen. Wolfgang Menges Fernsehspiele jedenfalls geben allen Anlass dazu. Das Besondere an ihnen nämlich ist, und das ist meine Leitthese, dass sie televisuelles Wissen nicht proklamieren, sondern durch spekulative Verfahren überhaupt erst generieren. Dieser These werde ich im Folgenden in drei Abschnitten nachgehen. Der erste befasst sich am Beispiel von Die Dubrow-Krise (D 1969, R: Eberhard Itzenplitz) mit dem Verhältnis von Spekulation und Transgression und der Frage, wie das Fernsehen die Grenze von Fakt und Fiktion zu überschreiten vermag; der zweite diskutiert am Beispiel von Das Millionenspiel (D 1970, R: Tom Toelle) die Verbindung von Spekulation und Inversion als spiegelnder Verkehrung von innerem und äußerem medialen Geschehen; und der dritte beschäftigt sich am Beispiel von Smog (D 1973, R: Wolfgang Petersen) mit der Relation von Spekulation und Modulation als transformativem Visualisierungsverfahren.

Anmerkungen

[1] Adorno, Theodor W.: Ontologie und Dialektik. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, S. 145.
[2] Vgl. Adorno, Theodor W.: »Prolog zum Fernsehen«, in: Gesammelte Schriften, Bd. 10, Kulturkritik und Gesellschaft II, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, S. 507-517. Zu Adornos Auffassung der kulturindustriellen Prägung des Fernsehens und den Einsprüchen, die dagegen erhoben wurden, vgl. Engell, Lorenz/Lisa Gotto: »Gesellschaftsorientierte Medientheorien«, in: Claudia Liebrand/ Irmela Schneider/Björn Bohnenkamp/Laura Frahm (Hg.): Einführung in die Medienkulturwissenschaft, Münster: LIT 2005, S. 99-114.