Mein Mann

Von Marlies Menge[1]

 

Ich traf Wolfgang Menge das erste Mal 1957. Er war gerade aus Ostasien gekommen, wo er als Zeitungskorrespondent arbeitete. Von seiner Tätigkeit davor weiß ich nur aus Berichten. Jedenfalls hatte er gleich nach dem Kriege angefangen, das journalistische Handwerk zu erlernen. Bei Agenturen, Tageszeitungen, Wochenzeitschriften und Rundfunkstationen. In Hamburg, London, Berlin und Ostasien. Als er gerade aus Peking kam, trafen wir uns und heirateten.

Seitdem schreibt mein Mann zu Hause. Ist heute eine Fahrt länger als 30 km, muss ich ihn stundenlang überreden. Ich habe es vor vier Jahren aufgegeben, in seinem Arbeitszimmer aufzuräumen. Aber er arbeitet nicht nur, wenn er in diesem Chaos von Büchern und Manuskripten sitzt. Er arbeitet immer: beim Frühstück, beim Lesen der Zeitungen, beim Aufhängen von Bildern. Die schlimmste Zeit ist die, wenn er etwas im Kopf hat, der richtige Anfang ihm aber noch fehlt. Unsere Freunde halten ihn dann für schlecht gelaunt, und sie trinken kaum den Kaffee aus, bevor sie wieder gehen. Ich habe mich damit abgefunden, dass er denkt und betrachte ihn als verreist. Immerhin hat auch diese Zeit ihre guten Seiten – er bringt Klingelknöpfe, die den Dienst versagen, wieder zum Klingeln und mäht den Rasen.

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Marlies und Wolfgang Menge, Anfang der 1970er Jahre

Wenn er schreibt, ist er auf seine Arbeit konzentriert. Er antwortet freundlich, wenn ich ihn etwas frage, ohne später ein Wort davon zu wissen. Auf diese Weise hat er mir mal erlaubt, einen Rolls Royce zu kaufen. Was nicht heißt, dass ich jetzt einen besäße. Er arbeitet so schnell und intensiv, dass er nach zwei Stunden Schreiben so müde ist, als hätte er eine ganze Nacht durchgearbeitet. Bei der Arbeit interessieren ihn zunächst nicht so sehr die Worte, sondern die Gedanken. Wenn er merkt, dass der Ablauf einer Geschichte stimmt, wenn er Personen und Handlung im Kopf hat, dann bricht die Leichtigkeit meiner rumänischen Schwiegermutter durch. Sie hat ihm außerdem sein Gefühl für Musik vererbt und für Knoblauch und Paprika. Mein Mann hat sogar ein Kochbuch geschrieben – die nachhaltigsten Eindrücke aus Ostasien sind darin in Form von Rezepten festgehalten. Er kocht vorzüglich, was heißt, dass er beim Kochen eine erstaunliche Phantasie entwickelt.

Mein Mann ist manchmal ganz gern unter anderen Menschen und von fremden Tapeten umgeben. Er hört lieber zu, als dass er selbst redet. Hat er aber einmal angefangen zu reden, findet er schwer ein Ende. Wenn er besonders gut gelaunt ist, erklärt er den verblüfften Zuhörern, was er vom Leben hält.

Er interessiert sich für alles. Ich kenne keine größere Strapaze, als mit ihm durch Warenhäuser zu laufen. Er überschlägt keine Abteilung. Selbst Kunststoffblumen betrachtet er aufmerksam von außen und innen. Er erregt sich mit Vorliebe über Dinge, die ihn nicht wirklich ärgern. Er kann zum Beispiel eine Stunde mit rudernden Armen das Schicksal verwünschen, das ihm Radieschen beschert hat, die in die Höhe schießen statt in die Breite. Würde allerdings unser Haus brennen, so würde er ungerührt bei unseren Nachbarn weiter Doppelkopf spielen. Zumindest die Runde zu Ende. Er würde sich gern alle zwei Monate ein neues Radio kaufen und für mich drei verschiedene Geschirrspülmaschinen, weil Technik ihn fasziniert. Er behauptet, dass man fünfmal so viel lesen müsse wie schreiben und handelt danach. Obwohl ihn Belletristik langweilt, was er nie zugibt. Aber ich sehe die Titel, die er wirklich liest. Etwa: Die militärischen Schriften von Friedrich dem Großen oder die Strafprozessordnung.

Er nimmt sein Frühstück gern im Freien ein, wenn es die Temperatur zulässt, weshalb wir immer außerhalb einer Stadt wohnen müssen. In die Natur begibt er sich allerdings nur, wenn es dunkel ist oder in Strömen regnet. Wahrscheinlich um sicher zu sein, dass ihn niemand begleitet.

 

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Anmerkungen
[1] Erstdruck: Presseheft des Berliner Theaters Tribüne, Berlin 1962, ohne Seitenzahl.