Land des müden Lächelns

Ein Reisebericht (1957)[1]

Von Wolfgang Menge

 

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Es ist kurz nach zehn Uhr, am Vormittag. Der Berliner Bleihimmel versucht, durch die düsteren Verstrebungen des Schlesischen Bahnhofs – die anderen nennen ihn Ostbahnhof – Flocken voll Melancholie auf den Fernbahnsteig zu senken. Allein, es scheint nicht zu gelingen, denn die Männer und Mädchen, die gerade den aus Moskau gerollten Blauen Express verlassen, werden strahlend empfangen, mit surrenden Kameras, dicken Blumenpaketen und Ansprachen. Die Delegation der sogenannten Nationalen Front ist wieder zu Hause, nach drei Wochen Sowjetunion.

Nur einer windet sich durch Abordnungen und Gruppen, durch die Klette der Delegation. Nur er muss seinen Koffer allein tragen, nachdem er sich aber mit einem Trink- und Teegeld vom russischen Schlafwagenschaffner verabschiedet hat: Ihr Berichterstatter. Bei dieser Gelegenheit kommt ihm der Gedanke, dass er gerade so auf die einzig angemessene Art in Berlin angekommen ist und gleichzeitig am Ende einer abenteuerlich langen Eisenbahnfahrt von genau 13286 Kilometern: als bestaunte Rarität, als Außenseiter und geheimnisumwitterte Existenz, der man am sichersten mit Höflichkeit und Vorsicht begegnet. Gleich hinter Hongkong, der britischen Kolonie im Süden Chinas – hier war die erste Fahrkarte gelöst worden –, hatte es damit angefangen, mit diesen Gruppen, Vertretungen, Abordnungen, Ausschüssen… Alle reisten, nur niemand reiste alleine. »Wo sind denn deine Kameraden?« hatte mich mein erster Abteilgenosse, ein Luftwaffenoberst, im Zuge nach Kanton gefragt. »Ich meine den Rest der Delegation«, setzte er hinzu, als er gemerkt hatte, dass ich ihn nicht verstand.

»Sie haben keine Genehmigung erhalten«, antwortete ich, um es ihm nicht gar so schwer zu machen. Obendrein war meine Antwort gar nicht so falsch. Denn ich weiß, dass mich gern viele meiner Kollegen aus Hongkong oder Tokio begleitet hätten. Die einen jedoch haben keine Einreisegenehmigung erhalten, den anderen verbietet es noch der Onkel vom State Department – das heißt, er hat es ihnen offenbar in diesen Tagen unter gewissen, mir noch unbekannten Bedingungen erlaubt.

»Kommen sie nur alle und sehen Sie es sich mit eigenen Augen an, was wir machen!« Diese Aufforderung aus dem Munde des chinesischen Premierministers Chou En-lai scheint allmählich zu einem Ceterum Censeo geworden zu sein. Immer wieder sagt er diesen Satz, in Peking oder während seiner zahlreichen Reisen. Nur passierte es ihm leider gerade in Colombo, dass während einer Pressekonferenz auf diese Aufforderung hin sofort ein westlicher Korrespondent aufstand, ein Engländer, und sagte: »Wir würden ja auch gern kommen, aber ich zum Beispiel habe bereits vor fünf Monaten eine Einreise beantragt und bis heute nicht einmal eine Antwort aus Peking erhalten…«

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Wolfgang Menges Blick auf Rotchinas um 1957

Auch ich möchte vorweg gestehen, dass ich nicht so lange habe bleiben können, wie ich es gern gewollt hätte. Es ist schwer, hinter das Geheimnis der Auswahl zu kommen, herauszufinden, nach welchen Gesichtspunkten die westlichen Journalisten ausgesucht werden, die ins Land dürfen und weshalb man die Anträge anderer ignoriert. Bis zum Herbst 1954 war China ein für den westlichen Zeitungsmann verbotenes Land gewesen. Dann ließ man einige hinein, die früher noch niemals in China gewesen waren. Später durften auch jene nach Peking, die das Land von früheren Zeiten kannten und nun vergleichen konnten. Vielleicht haben bei dieser Gelegenheit die verantwortlichen Beamten im Auswärtigen Amt ihre erste Überraschung erlebt: Die Berichte der sogenannten Chinakenner waren oft viel freundlicher. Sie lobten viel und verglichen… ja, was eigentlich?

Anmerkungen

[1] Die erste Folge wurde vom NDR Hamburg am 7.5.1957 um 23.30 Uhr ausgestrahlt. Die Ankündigung lautete: »In vier Berichten wird uns ein Mitarbeiter seine Rückkehr schildern. Von Hongkong fuhr er mit der Bahn über Peking, Moskau nach Berlin, 13286 Kilometer oder vierzehn Tage reine Fahrtzeit auf chinesischen und russischen Bahnen.«